«Dieses System wird die nächsten zehn Jahre nicht überleben»

28.01.2012

...Der Kapitalismus werde daran zugrunde gehen, dass er die Arbeit nicht anerkenne, sagt Norbert Blüm.

...Es gab ja keine Arbeitslosen . . .
. . . die standen in den Betrieben herum, der Betrieb war für alles zuständig. Die DDR war ein Fürsorgestaat, kein Sozialstaat. Der Sozialstaat, den ich verteidige, hat etwas mit Freiheit und Selbstständigkeit zu tun. Der Sozialstaat soll kein Versorgungsstaat werden, er soll mir nicht alle Risiken abnehmen.

Was halten Sie also von der Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen?
Nichts. Diesem Grundeinkommen fehlt die Vorleistung. Ich frage ganz einfach: Warum soll sich einer noch anstrengen, wenn er auch ohne Anstrengung dasselbe bekommt? Ich sehe in einer Beitragsfinanzierung auch ein emanzipatives Element: Ich erwerbe Ansprüche aufgrund einer Vorleistung. Der Sozialstaat, den ich vertrete, fragt, was hast du zur sozialen Solidarität beigetragen?

Je mehr einer beigetragen hat, desto höher soll auch seine Rente sein?
Bis zu einer gewissen Grenze, denn ab einer bestimmten Höhe des Einkommens ist der Bedarf an einer gleichwertigen Gegenleistung nicht mehr vorhanden. Die Schweizer haben für ihre AHV ja auch eine Grenze für die Leistung, aber keine Grenze für die Einnahmen. Das ist aus meiner Sicht asymmetrisch. Eure AHV ist kein Beitrag, sondern eine Steuer.

Wir sind wieder beim Alter. Sicher ist: Die Alten sind heute fitter als je.
Ich glaube, die grosse unbeantwortete Frage der Zukunft ist die nach Sinn und Funktion des Alters. Ist es nur der Wartesaal des Todes, nur Anhängsel ans eigene Leben, oder hat diese dritte Phase eigene Werte, einen eigenen Gestaltungsraum? Dann müssten wir sehr viel mehr die Alten nicht nur als Objekt von Leistung sehen, sondern auch als Mitwirkende. Das hat die Gesellschaft bis jetzt noch nicht gemacht.

Der Philosoph Richard David Precht hat die Idee lanciert, für rüstige Rentner ein soziales Pflichtjahr zu schaffen. Im ersten Jahr ihrer Rente sollen sie sich 15 Stunden pro Woche fürs Gemeinwohl einsetzen.
Ich begrüsse alle, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, aber nicht als Pflichtleistung. Ich stelle mir vor, einer der 40, 50 Jahre lang seine Pflicht und Schuldigkeit getan hat, wird jetzt trotz gebrechlicher Gesundheit nochmals zum Sozialdienst verpflichtet . . .

. . . Precht sagt klar: Das gilt nur für die, die dazu noch in der Lage sind.
Dann baut Herr Precht eine medizinische Behörde auf, die feststellt, ob jemand noch rüstig ist. Das sind alles so philosophisch aus der Hand geschüttelte Kreativitäts-Raketen, aber wenn es geblitzt, gedonnert und gestunken hat, ist es genauso dunkel wie vorher.

Sie hätten diesen Sozialdienst leisten können. Sie sind 76 Jahre alt, schreiben Bücher, halten Vorträge.
Ohne zu prunken: Ich leiste viel im Sozialen. Ich bin Vorsitzender im Stiftungsrat der Kindernothilfe, rase und sause durch die Welt, aber ich will dafür nicht gelobt werden, es macht mein Leben sinnvoller. Ich wäre todunglücklich, daheim auf der Bank zu sitzen. Ich gehöre zu den Privilegierten. Das Alter ist die Lebensphase, in der die individuellen Lebensverhältnisse differenzierter sind als in jeder anderen Lebensphase. Ich kenne Schulkameraden, die könnten noch an der Altersolympiade teilnehmen, und andere, die hilflos sind. Deshalb glaube ich nicht, dass aus solchen prechtschen Schablonen etwas wird.

Die Idee ist doch gut.
Die Idee zu helfen, ja, aber nicht so, dass das befohlen werden muss. Ich möchte von niemandem gepflegt und gefüttert werden, der mich mürrisch hütet, weil er in seinem sozialen Pflichtjahr ist.

Sie haben ein Buch «Ehrliche Arbeit» geschrieben. Was ist Ihre Kurzdefinition von «ehrlicher Arbeit»?
Ehrliche Arbeit ist Arbeit, die etwas zustande bringt für andere, sei es, ein Produkt oder eine Dienstleistung. Ehrliche Arbeit ist im Unterschied zum Spiel mit Anstrengung verbunden, und sie ist ihren Lohn wert.

Und die «unehrliche Arbeit»?
Unehrliche Arbeit ist jene Spekulantenarbeit, die ohne jede Leistung von der Geldvermehrung lebt. Wenn Firmen mehr Geld durch Finanzgeschäfte verdienen als durch Produktion, finde ich das eine Perversion. Wenn du mit Geld mehr Geld verdienen kannst als mit Arbeit, ist das Hochstapelei.

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