Es ist beinahe so, als spalten die Tafeln die Gesellschaft.

09.05.2012

Soziologe und Tafelforscher Prof. Dr. Stefan Selke:

Herr Selke, Sie sprechen in Zusammenhang mit den Tafeln von „Grenzen der guten Tat“. Was bedeutet das?

Zum einen kommen die Ehrenamtlichen in den Tafeln an ihre psychischen und physischen Grenzen – auch wenn sie sich gerne dort einbringen. Die Freiwilligen sind einfach nicht für die Probleme ausgebildet, denen sie dort begegnen. Das eigentliche Problem liegt aber auf der strukturellen Ebene: Eine Laienbewegung wie die Tafeln kann Hilfsbedarf nicht flächendeckend und nicht nachhaltig decken. Außerdem gehen solche Angebote nicht gegen die Ursachen der Armut vor...

…sondern doktern nur an den Symptomen herum?

Ich mache das gerne anhand eines Bildes deutlich: Stellen Sie sich eine Waage vor. Auf der einen Waagschale liegt der Sozialstaat als institutionalisierte Solidarität, auf der anderen die private Wohltätigkeit.

Ursprünglich gab es eine Balance zwischen den beiden. Nun hat sich in der Vergangenheit immer mehr Gewicht auf die Seite der Privaten verlagert und gleichzeitig verlässt sich der Staat zunehmend darauf.

Dann lautet ihre Forderung also: Tafeln abschaffen! Oder gibt es eine Alternative?

Ich habe nichts gegen Tafeln als solche, obwohl es dort ganz klar eine Schieflage gibt. Die Tafeln sollten sich vielmehr darauf beschränken, Bedürftige mit Nahrung auszustatten. Sie sind nicht ein Allround-Versorger. Außerdem sollten die Tafeln die Menschen beteiligen, die sie unterstützen. Tatsächlich aber besteht momentan oftmals ein Gegensatz zwischen Gebenden und Nehmenden. Es ist beinahe so, als spalte die Tafel-Theke die Gesellschaft.

Ein dritter Punkt ist: Die Tafeln sollten sich nicht von Politikern einspannen lassen, sondern stattdessen ihre Rolle in der Gesellschaft hinterfragen. Meine Horrorvision ist, dass es irgendwann heißt: Ach, die Armut ist nur halb so schlimm – es gibt ja die Tafeln.


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