"Einfach so verdammt allein"

28.10.2016

"Wie ein Nichts. So, als würde es mich nicht mehr geben. Als hätte es mich auch früher nicht gegeben." Andrea aus München erzählt, wie sie sich fühlt, seitdem sie Hartz IV bezieht. Diese Gefühle, sagt Andrea, könne sie mit niemandem besprechen, mit keinem Freund, keiner Freundin, mit keinem aus der Familie.

Diese Gefühle könne sie nur mit einem einzigen Menschen teilen: mit Mike Gallen, ihrem Arbeitslosenseelsorger. Pfarrheim St. Benedikt, Schrenkstraße, München.

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 "Arbeitende Menschen haben Angst vor Arbeitslosigkeit"

Andrea war Producerin bei einem TV-Sender in München, vor sieben Jahren erlitt sie einen Burn-out, konnte beim Fernsehen nicht weiterarbeiten. Familiäre Probleme pegelten ihren Erschöpfungszustand hoch. Andrea brach zusammen. Ein Arzt diagnostizierte neben Burn-out eine posttraumatische Belastungsstörung, erklärte sie für arbeitsunfähig, verschrieb eine Therapie.

Seitdem sie Hartz IV bezieht, fühlt sich Andrea "wie gelähmt", auf Fotos will sie sich nicht zeigen, aber nicht aus Scham. "Sondern weil ich mir noch eine Restnormalität erhalten will", sagt sie. "Denn wer das weiß mit dem Hartz IV, von dem werde ich nicht mehr wie ein Mensch behandelt." Jobcenter-Angestellten sähen in ihr nur eine "Bittstellerin, eine Nummer, die verwaltet wird" und behandelten sie auch so. Immobilienmakler wendeten sich bei Wohnungsanfragen ab. Bei früheren Freunden verspürt sie eine "Asymmetrie zwischen uns", die vorher nicht da war.

Dann diese Angst: diese diffuse, fürchterliche Angst, die sie überfällt, wenn sie Briefe vom Jobcenter im Briefkasten findet, wohlwissend, dass das Standardbriefe sind, klar. "Aber auch Standardbriefe kann man menschenwürdig verfassen, und diese Briefe lesen sich nicht, als hätte sie ein Mensch verfasst. Und in der Regel bestehen sie aus einer Aneinanderreihung von Sanktionen."

Schrecklich ist für Andrea auch das Gefühl des Abgeschnittenseins. Wenn sie mit einem Becher Kaffee in der Hand am Küchenfenster steht und die hin- und hereilenden Menschen auf der Straße sieht, ist es, als würde das Leben an ihr vorbeilaufen. Um sie herum die Stille der Wohnung, das Gefühl, alles Wichtige auf dieser Welt passiere woanders, nur nicht bei ihr. "Meine Freunde arbeiten, arbeitende Menschen haben Angst vor Arbeitslosigkeit", sagt Andrea, "irgendwann habe ich verstanden, dass ich da nicht auf offene Ohren stoße." Deshalb ging sie zu Gallen.

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