Vertrauen in Kreativität

Anfang 2007 besuchte unser Bundespräsidnet Horst Köhler Brasilien. Und er nahm den mittlerweile prominentesten Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens mit, der den Satz prägte: „Revolutionär denken, evolutionär handeln“, Götz Werner.

Brasilien ist zwar nicht das ärmste Land der Welt. Es zählt zu den zehn führenden Industrienationen, doch merken die Ärmsten der Armen nichts davon. Diese Verhältnisse haben sich geändert seit die Zuversicht des Abgeordneten Eduardo Suplicy unter dem brasilianischen Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva dazu führte, dass Brasilien als erstes Land der Welt ein Grundeinkommen per Gesetz eingeführt hat. – Regierungsziel ist es, ein bedingungsloses Grundeinkommen in mehreren Schritten einzuführen. Ca. 11 Millionen Familien erhalten so etwas wie ein Grundeinkommen. Bezieher dieses Grundeinkommens müssen zur Zeit dafür ihre Kinder in die Schule schicken, an Gesundheits- und Alphabetisierungsprogrammen teilnehmen u.ä. Es sind 50 – 95 Real, die eine Familie erhält, was noch zu wenig ist. Der erste Schritt zum bedingungslosen Grundeinkommen ist jedoch getan. Weitere sollen folgen. Unter dem Präsidenten Lula sind zwischen 2003 und 2006 ca. 6 Millionen Arbeitsplätze entstanden, welche sich auch auf das ausgezahlte Grundeinkommen zurückführen lassen.

Leben wir Deutschen im Vergleich zu brasilianischen Bürgern im Schlaraffenland? Steinhäuser, fließend Wasser, Automobile, Hobbypiloten, Kinos, Singlebörsen, Haustierhaltung, Ego-Shooter, Internet, Weltrundflüge, Freizeit, Wellness, Produktivitätssteigerung bei steigender Arbeitslosigkeit. Ja, wir leben im Schlaraffenland und merken es nicht! Würde es bemerkt, dann fiele auf, dass Arbeitslosigkeit etwas mit Befreiung zu tun hat und ganz positiv ist, weil bestimmte Arbeit nicht mehr von Menschen erledigt werden muss. Der Mensch kann sich neuen Aufgaben stellen, weil er dazu nun die Möglichkeit hat. Er kann sich jetzt fragen: „Was kann ich, was Maschinen nicht können?“
Computer und Maschinen sind unsere Diener geworden und geben uns durch ihre Arbeit völlig neue Möglichkeiten. Doch wir glauben, wir müssten die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Die Medien berichten, dass Arbeitslose faul seien. Und wir hören: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“

 

Wer spricht da?

Es ist die Stimme desjenigen, der glaubt, dass Menschen nur durch Forderungen, Zwänge und Kontrollen einer Aufgabe nachgehen würden, dass Menschen faul seien und in Hängematten liegen würden, wenn sie etwas Geld hätten. Sehen diejenigen, welche über „die anderen“ so denken, sich selbst genau so? Ist es der Pessimismus, der diese Personen zu solchen Äußerungen treibt? Ein Realitätssinn kann es nicht sein, denn jedes Kind ist voller Neugier und Tatendrang - ohne, dass „Anreize geschaffen“ oder es „aktiviert“ wurde.


Müssen wir die Arbeitslosigkeit bekämpfen? Nein, wir können sie sogar noch steigern! Arbeitslosigkeit ist ein Symptom der Industriestaaten, deren Menschen plötzlich durch Maschinen von ihrer bisherigen Arbeit befreit werden und auf die Frage “Wer bin ich und was will ich?“ noch keine Antwort gefunden haben. Das ist eine Frage jedes Einzelnen, also auch aller Bürger - und so ist es auch eine wichtige Aufgabe des Staates und der Politik.


Wie würde ein bedingungslos ausgezahltes Grundeinkommen den Arbeitsmarkt und die Arbeitsverhältnisse verändern! Ist es hoch genug, so hätte kein Arbeitgeber mehr die Möglichkeit, Menschen zu unwürdigen Bedingungen zu beschäftigen. Nicht mehr der Arbeitsberater würde den Menschen sagen: „Gehen Sie in diesen Wirtschaftssektor oder in jenen“. Sondern jeder Einzelne würde die Arbeit leisten, die er kann und will. Die Löhne würden sich ändern, da unattraktive Dienstleistungen teurer würden und beliebte billiger. Finanzielle Existenzängste wären wie weggeblasen, da immer so viel Geld wie notwendig vorhanden wäre. Jeder wäre ein „Lebensunternehmer“ wie Götz Werner sagt. Er stünde dem freien Markt zur Verfügung und könnte „sich selbst unternehmen“. Ein gigantisch großer Verwaltungs- und Kontrollapparat würde überflüssig und könnte sich nicht mehr hinter der Fassade verstecken, notwendig zu sein. Wir würden mit Schuldzuweisungen aufhören, gegenseitige Vorwürfe fallen lassen und die Scheinbegriffe von „denen, die arbeiten“ und „denen, die nicht arbeiten“ über Bord werfen. Niemand würde mehr „schwarz arbeiten“. Jeder dürfte das, was er an Geld verdient, auch behalten bzw. ausgeben und damit wieder den anderen zuführen.


Im Grunde sind wir alle arbeitslos, was nicht heißt, es gäbe keine Aufgaben mehr. Wir sind die Arbeit los, der wir bisher nachgegangen sind. Oder wollen wir auf Kühlschränke verzichten und unsere Milch wieder selber melken? Oder ohne Autos und Flugzeuge auskommen und nur zu Fuß das ganze Leben lang durch die Welt hüpfen, weil es nur schön zu Fuß ist? Wollen wir die Kanalisation mit der Hand pflegen? Nie wieder reisen, elektrisch rasieren oder studieren? Das alles können wir nur, weil wir arbeitslos von bestimmten Aufgaben sind. Hinsichtlich mancher Tätigkeiten wäre es sogar wünschenswert, noch arbeitsloser zu werden. Viele Arbeitsplätze werden heute auch noch von Menschen besetzt, obwohl Maschinen es besser könnten. Das wird getan, um Arbeitsplätze zu erhalten.


Wenn viele Frauen, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ausgestattet, sich plötzlich entscheiden sollten, ihren heute notwendigen Job zu kündigen, um sich der Kindererziehung zu widmen, würde die Arbeitslosenzahl erheblich steigen. Wen stört diese Zahl? Für einen Menschen, der sich auf Grund von finanzieller Unabhängigkeit frei entscheiden kann wo und was er arbeitet, ist es eine ganz neue Entscheidungsmöglichkeit. Und sollte nicht jemand, der Kinder erzieht, wie jeder andere auch, für seine Arbeit bezahlt werden, zusätzlich zum Grundeinkommen? Denn das bedingungslose Grundeinkommen ist eine Existenzgrundlage und kein Lohn. Es trennt das Einkommen von der Erwerbsarbeit.


Was hält uns davon ab, das bedingungslose Grundeinkommen einzuführen? Ist der Mensch grundsätzlich faul? Mohammad Yunus hat in Bangladesch die Grameen Bank gegründet. Diese verteilt bedingungslos Mikrokredite an arme Menschen. Für seine Initiativen hat er 2006 den Friedensnobelpreis erhalten. Er hat Recht: der Mensch ist nicht grundsätzlich faul. Mohammad Yunus hat Vertrauen in Menschen investiert, beschäftigt keine Anwälte, macht keine Verträge. Das Ergebnis: Von den vergebenen Mikrokrediten in Höhe von 6 Milliarden Dollar wurden 5,5 Milliarden Dollar bereits zurückgezahlt. Warum investieren wir nicht in den Menschen und in unser aller Kreativität und schenken einfach Vertrauen, dessen Ausdruck das bedingungslose Grundeinkommen ist?


Wenn Horst Köhler bei seinem nächsten Brasilienbesuch wieder Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm und prominenter Verfechter der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, mit nimmt, kann er sagen: „Wir globalisieren die Welt mit Bedingungslosigkeit und einem neuen Arbeitsbegriff.“ Hoffentlich!


Frank Thomas

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