Sind Konsumgutscheine Grundeinkommen?

Sind Konsumgutscheine  Grundeinkommen?

Ausgelöst durch die sogenannte Weltfinanzkrise wird von Wissenschaftlern und Politikern eine Idee diskutiert, welche die Wirtschaft durch Konsum ankurbeln soll. Die Rede ist von Konsumgutscheinen. Ein Vorschlag, der von dem saarländischen Landesvorsitzenden Heiko Maas sowie dem Ökonomen Karl Lauterbach gemacht wurde und in verschiedenen Parteilen erörtert wird, wie verschiedene Medien berichten. Eingelöst  werden kann dieser 500 EUR  Konsumgutschein für alle Erwachsenen innerhalb von acht Wochen, wenn auch ein Eigenanteil von 200 Euro geleistet würde. Für  Sozialhilfe- und ALG II Empfänger soll die Zuzahlungsverpflichtung entfallen. Auch Kinder sollen einen 250 EUR Konsumgutschein ohne Zuzahlung erhalten.

Ein Grundeinkommen soll jedem Bürger ermöglichen, einer Tätigkeit nachzugehen, ohne dass staatliche oder wirtschaftliche Zwänge ihn dazu nötigen. Das bedeutet, dass gesellschaftlich-kulturelle Teilhabe möglich wird, für jeden Bürger, weil ein individueller Rechtsanspruch auf das Grundeinkommen besteht.

Das Ziel eines bedingungslosen Grundeinkommens unterscheidet sich eklatant von dem Ziel eines Konsumgutscheins. Es stellt sich die Frage nach den Aufgaben der Wirtschaft. Ein Grundeinkommen will nicht primär der Wirtschaft dienen, wie ein Konsumgutschein, sondern dem Bürger mehr Selbständigkeit ermöglichen. Die Finanzspritzen, die Milliarden Konjunkturprogramme, fließen sie nun zur Sicherung der Banken, in Autokonzerne, von denen ein großer Teil unsere Wirtschaft abhängt oder in Konsumgutscheine für Bürger. Diese Geldströme haben das Ziel, „den Karren am Laufen zu halten“.

Es gibt gute Gründe dafür, dass es der Wirtschaft gut gehen sollte, weil die Wirtschaft ein wichtiger Teil unserer kulturellen Gemeinschaft ist und wir ohne diese nicht existieren können, rein physisch. Doch die Leistungsfähigkeit der heutigen Wirtschaft wäre nichts, ohne den Bürger, der diese erst entstehen lässt. Nicht weil konsumiert wird. Sondern weil vor allem die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft, die Produktivität auf der Forschungs- und Entwicklungsfähigkeit des Menschen beruht. Denn ohne die Kreativität des Menschen gäbe es keine Armeen von Automaten, welche uns zu Diensten stehen. Automatisierte Prozesse sind Ausdruck kreativer Fähigkeiten. Der bestmögliche Einsatz dieser Fähigkeiten führt zu einem Gewinn für die Gemeinschaft. Der Gewinn für unsere kulturelle Gemeinschaft ist, dass wir uns aus der Notwendigkeit der Existenzsicherung, der Selbstversorgung real befreit haben und unsere Fähigkeiten heute selbstbestimmt einsetzen könnten, wenn wir ein Bewusstsein davon hätten.

Die Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen lenkt den Blick eben auf diese zweite Seele in der Brust den Menschen, auf die schöpferische und das menschliche, die Kreativität. Anders ein Konsumgutschein. Er reduziert den Menschen, auf einen Konsumenten, der gleich einem anderen Konsumenten ist. Als Konsumenten sind alle Menschen gleich. Als Menschen sind alle unterschiedlich. Nicht weil sie sich äußerlich unterscheiden, sondern weil sie Individuen sind, völlig unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen und entwickeln können.

Das Recht auf ein Grundeinkommen ergibt sich, weil allen Menschen Konsumenten sind. Es entsteht aus der Notwendigkeit des Menschen, konsumieren zu müssen, um leben zu können. Es ist nicht das individuelle im Menschen, was ein Grundeinkommen braucht. Sondern es ist das allgemeine am Menschen, das körperliche, das was den Gesetzen von Raum und Zeit unterworfen ist. Dieses physisch determinierte  Notwendige, bietet dem Individuellen nur die Möglichkeit, sich zu entfalten. Das Grundeinkommen ist das notwendige Fahrzeug für das individuelle menschliche Handeln.

Anders der Konsumgutschein. Er erscheint als Krücke. Nicht als Fahrzeug für das individuelle Handeln, sondern als Krücke für Finanz- Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik. Warum interessieren sich eigentlich besonders Gewerkschaften und die SPD für einen Konsumgutschein? Sind es nicht die gleichen Interessensgruppen, welche bisher immun gegen die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommen waren?

Wäre die jetzige Krise nicht ein guter Zeitpunkt, einen Strich unter die bisherige staatliche Subventionspolitik zu machen, um sich Klarheit darüber zu schaffen, was alles künstlich am Leben erhalten wird, in der Intensivstation des sog. Arbeitsmarktes und der Lohnabhängigen? Waren und sind auf dieser Intensivstation Finanzspritzen und Rettungspakete nicht der Status Quo? Wer will das eigentlich, Intensivstation als Normalzustand? Haben Sie das so gewollt? Wollen Sie lebenserhaltende Maßnahmen,  monatelang, jahrelang, wenn kein Mensch mehr mit ihnen kommunizieren kann, sozusagen durch ungewolltes medizinischen Grundeinkommen künstlich am Leben erhalten werden, mit  (Geld-) Schläuchen und künstlichen Programmen einen sanften Tod verhindern? Ein Tod, der uns befreien würde vom Arbeitszwang, der Ideologie der Vollbeschäftigung, der Arbeit und Einkommen trennt und der uns die Frage stellen lassen würde: Warum machen wir das alles überhaupt und für wen? Warum wählen wir Abhängigkeit, Sinnlosigkeit und Spekulationsgeschäfte anstatt selbstbestimmtes, notwendiges und selbstverantwortetes Handeln?

Haben wir ein Problem mit dem Tod? Vielleicht? Vielleicht ist das ein anderes Thema. Jedenfalls ist der Tod auch eine Tatsache und schafft, rein biologisch gesehen, die Möglichkeit für deutliche  Änderungen. Die Weltfinanzkrise spricht dafür, dass unsere Gesellschaft – dessen Bürger sich noch von Politikern vertreten lassen, weil diese wohl glauben, andere könnten sie besser regieren  als sie sich selbst – Probleme hat sich zu ändern. Warum sonst trennen wir nicht einfach die Spreu vom Weizen? Wäre es nicht ein Segen, automatisierbare Prozesse und sinnlose Handlungen von Aufgaben, an welchen ein Mensch wachsen kann, wie sinnstiftende Aufgaben in sozialen Bereichen, der Bildung und Erziehung und der Forschung, zu trennen? Ein Grundeinkommen würde diese freien selbstverantworteten Tätigkeiten ermöglichen. Ein Konsumgutschein nicht, weil er nicht ein Leben lang die Existenz der Bürger sichern soll und nur eine ambulante Finanzspritze ist.

Konsumgutscheine, Rettungspakete und Finanzspritzen zeigen nur, das wir uns auf der Intensivstation befinden und wir die Patienten sind und uns behandeln lassen ... Nicht weil es uns physisch an etwas mangelt. Auch Geld ist nichts physisches, denn es ist unsichtbar, deshalb glauben wir auch, dass es mehr werden kann, dass es sogar arbeitet kann, für uns, ohne das wir arbeiten. An was mangelt es uns? Dem Patienten mangelt es an Selbstheilungskräften, an Bewusstsein, an Unabhängigkeit, also an Verständnis und Verantwortung für sein Handeln und nicht an Finanztransplantationen, Spendergeldherzen und verzweifelten Dopingmanagern.

Was ist Geld? Wir wissen, das wir es nicht verstehen, denn Geldströme entziehen sich unserem Bewusstsein und doch bewirken sie etwas. Und das sie etwas bewirken erleben wir gerade. Wir begreifen es nicht, das Geld, im doppelten Sinn. Die Weltfinanzkrise donnert es uns vor den Kopf, dass wir keinen Begriff haben, vom Geld. Ob wir es begreifen oder nicht, sichtbar wird, dass unser Handeln weltweite Konsequenzen hat. Die weltweiten Konsequenzen machen bewusst, dass Geldströme der Ausdruck von Beziehungen sind und wir so gesehen eine Beziehungskrise haben, von der wir noch nicht, einmal wussten, dass wir die Beziehung haben. Und jetzt noch die Krise.

Krisen werden versucht zu vermeiden, auch weil sie Gewohntes in Fragen stellen. Doch je mehr versucht wird, Krisen zu vermeiden, desto eher beginnen sie aufzublühen. Krisen machen etwas bewusst und drängen anschließend nach bewussteren  Handlungen. Sind Konsumgutscheine das Ergebnis eines bewussteren Handelns oder würden zu solchem führen?

Die Finanzkrise und die Idee der Konsumgutscheine lassen deutlich erkennen, das wir uns fragen müssen was wir bewirken mit dem Geld, welches wir in die Richtung lenken aus welcher wir etwas entgegen nehmen, wenn wir handeln. Heute kommt uns eine Krise entgegen. Doch es könnten auch frei handelnde und verantwortungsbewusste Menschen sein. Wenn wir handeln, das Wort "handeln" hat einen doppelten Sinn, bewirken wir immer etwas zweifaches. Wir nehmen nicht nur in unsere Richtung etwas entgegen, sondern wir geben und wirken damit  beim handeln in eine andere Richtung. Geld ist nur  Ausdruck der Wirkung unseres Handelns in die andere Richtung.

Das Grundeinkommen zeigt dieses zweifache im Handeln, gleich aus zwei Perspektiven. Aus der Perspektive der Gemeinschaft und aus der Perspektive des Individuums.  Eine Gemeinschaft nimmt von seinen Individuen investierte Fähigkeiten entgegen, körperliche und geistige, bezahlte und unbezahlte. Gleichzeitig gibt die Gemeinschaft, durch ein Grundeinkommen, als Teil aller gemeinsamen Leistungen, allen Individuen Möglichkeiten, sich gesund und frei zu entwickeln. Das Individuum erhält ein Grundeinkommen, bildet frei von Zwang seine Fähigkeiten aus und stellt  diese in den Dienst der Gemeinschaft, deren Teil es ist - Ein Bewusstsein für diesen sozialen Organismus muss sich noch entwickeln. Denn es gilt immer noch   mehrheitlich, dass Gruppen sich besser von Eliten führen ließen, als dass jeder sich am besten selber regieren könne, wie J. W. v. Goethe es sah, aus freiem Entschluss und aus Verantwortung anderen gegenüber.

Warum nur bereitet die Vorstellung von selbständigen freien Bürger immer noch so viel Sorge? Weil die menschliche Freiheit kollektiv noch unbewusst ist. Und entdecken kann sie nur jeder in sich selbst.  Dafür braucht niemand einen Konsumgutschein. Diskussionen über ein  Grundeinkommen können dabei jedoch behilflich sein.

Frank Thomas


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