Selbstgespräch mit der Krise

Wir zahlen nicht für Eure Krise

„Wir zahlen nicht für Eure Krise“ lautet das Motto, unter welchem Gewerkschaften, Attac und linke Bürgerinitiativen am 28. März 2009 in Berlin und Frankfurt zur Demonstration gegen Kapitalismus und für gerechtere Weltwirtschaft aufgerufen hatten. Weitere Proteste sollen folgen bis Ende kommender Woche der G-20-Gipfel in London beginnt.
 


So notwendig es ist, sich über die Ursachen der Finanz- und  Wirtschafts-, Öko-, Armut-, Sozialkrise bewusst zu werden – und dazu will die Demonstration beitragen –, um so deutlicher wird, dass sie alle in einer wurzeln: einer globalen Sinnkrise. Denn es geht nicht nur um „Alternativen jenseits des Kapitalismus“. Es geht um Ideen und Begriffe jenseits von Kapitalismus UND Kommunismus. Denn beide Ismen haben Ihre autoritären und menschenverachtenden Spuren in der Geschichte hinterlassen.

Für die einen gilt die Maximierung privaten Eigentums als höchstes Ziel und sie glauben an Selbstheilungskräfte der Märkte.  Die anderen woll(t)en dem Staat alles geben aber auch alles kontrollieren. Der Erste verwechselt  Freiheit mit dem Recht des Stärkeren. Der Zweite idealisiert Gleichheit zu einer Doktrin und verkennt dabei völlig das individuelle Wesen. Vorurteile und Feindbilder bedienen sie beide. Im Markt finden die einen ihre Konkurrenten, die besiegt oder geschluckt werden können. In den Bankern und den Unternehmern sehen die anderen ihre Feinde.

Dabei wird doch gerade jetzt, durch die Finanz- und Wirtschaftkrise deutlich, dass wir alle nicht nur von Geldströmen abhängen, sondern auch von einem weltweiten Wirtschaftsnetz. Es wird sichtbar - mehr als sonst - , dass alle Menschen auf der runden Erde von einander abhängig sind, aber auch für einander tätig sind. Warum ist die Erde überhaupt rund? Vielleicht, damit keiner in der Mitte stehen kann, wie zu Zeiten, als die Erde noch eine Scheibe war. Aber möchten wir nicht doch lieber auf einer Scheibe in der Mitte stehen?

„Wir zahlen nicht für Eure Krise“ drückt jedenfalls so etwas Zweidimensionales aus. Da gibt es diejenigen, die scheinbar nichts mit der Krise zu tun haben, jedenfalls dem Motto nach. Und die anderen, die Verantwortlichen, die die ersten mit in ihre Krise ziehen. Es gibt das Subjekt bzw. viele davon und das Objekt, die anderen, die Verantwortung übernehmen sollen. Ist es so einfach? Sind es wirklich nur die anderen, die umdenken und belehrt werden müssen und „wir“ können so bleiben wie wir sind, so, als wenn in zwei völlig unterschiedlichen Welten gelebt würde?

Woher kommt das Geld, mit welchem Banken heute spekulieren? Es kommt von uns. Fast jeder hat ein Konto, Wertpapiere, Lebensversicherungen, Bausparverträge usw. Jeder von uns macht sich Sorgen um seine Zukunft. Deshalb hat er sein Geld Banken und Versicherungen gegeben. Und freut sich darüber, wenn es sich von selbst vermehrt. Welcher Bank geben Sie Ihr Geld? Der, die Ihnen am wenigsten Zinsen bietet? Wir wollen doch alle etwas gewinnen, ohne dafür etwas tun zu müssen. Sie nicht? Vielleicht sehen Sie dann lieber „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Wer wird Millionär?“. Warum sehen Millionen von Menschen sich diese Sendungen an? Weil es der selben Vorstellung entspringt: Etwas gewinnen zu können, ohne etwas dafür tun zu müssen. Eine wunderbare Welt der Geldvermehrung. Ein Taum? Nein! Ein reales Schlaraffenland, vor welchem Grundeinkommensgegner paradoxer Weise immer warnen.  Und wer ist der Verantwortliche für dieses Schlaraffenland? Derjenige, der Geld leiht oder der es geliehen bekommt?

Vielleicht haben Sie nicht so viel Geld, dass Sie es der Bank geben könnten und glauben deshalb, besonders sparen zu müssen. Deshalb kaufen sie immer dort, wo „Geiz ist geil“ ist. Wundern sich jedoch, dass wieder Leute entlassen wurden. Wie kommt das nur? Wir amüsieren uns nicht nur zu Tode, sondern wir sparen uns auch zu Tode. Denn was uns hier im Heute und Jetzt fehlt, damit treiben andere im Grunde das gleiche wie wir: Sparen, Anlegen und hoffen auf Gewinn. Ein Real-Traum.

Ein Grundeinkommen würde hier den Geldstrom, der durch Angst vor der Zukunft und Geiz dem Heute gegenüber ins Stocken geraten ist, wieder beleben. Wenn das Grundeinkommen hoch genug ist, bräuchte sich niemand mehr ernste Sorgen um die Zukunft zu machen. Welch ein Segen wäre es, wenn der Stausee der Versicherungsbranche, welcher zum Sinnbild der kollektiven Angst geworden ist -  ein verzweifelter Versuch die Zukunft abzusichern  und  dabei die Möglichkeiten im Heute auf den Sankt Nimmerleinstag verschiebt -, zu einem zirkulierenden Strom des Mutes und des Vertrauens würde!

Wenn wir Angst vor der Zukunft haben, dann nur deshalb, weil wir unserer Jugend und unseren Kindern nicht vertrauen. Denn würden wir unseren Kindern und der Jugend vertrauen, dann würden wir ihnen alles geben, was für sie wichtig ist: Freiräume, Freie Schulen und Schutz vor unseren eigenen Begriffen, unseren Vorstellungen. Denn unsere Vorstellungen, unsere Begriffe, mit denen wir uns und die Welt versuchen zu begreifen, sind alle von unserer Angst durchsetzt, stammen aus der Vergangenheit und haben nichts mit der Wirklichkeit gemein. Deshalb werden sie auch von Jugendlichen intuitiv abgelehnt.

Es gibt keine bessere Altersvorsorge, als in die Jugend zu investieren und ihr die beste Entwicklung ihrer Fähigkeiten zu ermöglichen. Angelegtes Geld hilft nicht, wenn man Sorgen hat oder wenn man Hilfe braucht. Die Sorgen werden eher größer, wenn man Geld anlegt, wie man an der Finanzkrise wunderbar beobachten kann. Und noch weniger hilft es, wenn man Geld hat, aber niemanden mit Fähigkeiten, der mit dem Geld etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft anzufangen weiß. Entweder weil derjenige keine Fähigkeiten entwickeln konnte oder die Entwicklung von Anti-Fähigkeiten gefördert wurde.

Individuelle Fähigkeiten können einen Sinn nur in einem organischen Zusammenhang haben, wo sich Fähigkeiten organisch ergänzen. Stehen sie nicht in einem organischen Zusammengang, sondern zielen darauf - anstatt der Gemeinschaft zu dienen - der Gemeinschaft mehr zu nehmen, als der Einzelne bereit ist zu geben, dann sind das Anti-Fähigkeiten, welche dem sozialen Organismus schaden. Kinder und Jugendliche allerdings haben keine Anti-Fähigkeiten, aber sie brauchen unsere Fähigkeiten, unsere Reife, unsere Hingabe und Achtung, dass sich Ihre Begabungen nicht zu Anti-Fähigkeiten entwickeln. Dass wir immer mehr Anti-Fähigkeiten beklagen ist die Folge davon, dass wir von unseren Kindern immer mehr Leistungen erwarten, ihnen Ihre Kindheit und Jugend stehlen, sie durch unsere Begriffe versklaven, ihnen aber immer weniger geben und geben können, weil uns der Mut zum Heute fehlt.

Es sind nicht die anderen, die eine Krise haben. Wir alle sind es, denen der Sinnzusammenhang und die Begriffe fehlen. Je mehr wir aber von anderen erwarten, Verantwortung zu übernehmen, um so weniger frei sind wir es selbst zu  tun und um so undemokratischer handeln wir. Die Revolution wird nicht auf der Straße stattfinden, sondern in der nüchternen Betrachtung von uns selbst, frei von Ideologien der Vergangenheit und mit der positiven Aussicht, für unser Handeln Verantwortung übernehmen zu können. Da fängt die Revolution an: Wenn wir unsere Fähigkeiten nicht gegen, sondern für andere Menschen einsetzen, weil wir erkennen, dass wir nicht für uns, sondern immer für andere arbeiten. Dieser Arbeitsbegriff macht Mut, weil er die Angst nimmt vor dem Morgen. Und er ist überprüfbar, an der Wirklichkeit.

Frank Thomas

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