In der Frage nach dem Schwein steckt der ganze Grundeinkommensprozess

Am 15. Mai ging der Ökumenische Kirchentag in München zu Ende, welcher mit den Veranstaltungen "Unser täglich Brot gib uns heute" und "Brot vom Himmel – Menschenwürde und Grundeinkommen" das Grundeinkommen thematisieren wollte. Namibia wird dabei als Vorzeigeland für Grundeinkommen mit Erfahrungen gehandelt. "Namibia macht es vor: ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle." ist ein Artikel auf  der Webseite des Netzwerks Grundeinkommen benannt.  Aber was macht Namibia denn vor und wem? Die Premiere des Kunstprojekts  VIA INTOLLERANZA II von Christoph Schlingensief am 15. Mai in Brüssel, welches den weißen Helferblick, Intolleranz und Überheblichkeit gegenüber Afrika thematisiert, steht dazu in einem interessanten Spannungsverhältnis.


Namibia war eine deutsche Kolonie, seit dem auch zu 90% christlich. 1990 wurde es unabhängig und demokratisch. 20% - 30% Arbeitslosikeit, besitzt bedeutende Rohstoffe, vor allem Uran und Diamanten. 50% der Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft.

Claudia Haarmann und Bischof Dr. Zephania Kameeta aus Windhoek/Namibia, waren zum Thema Grundeinkommen auf dem Podium des Kirchentages. Die Theologin hat zusammen mit ihrem Mann ein Grundeinkommensprojekt in  Otjivero, einem 1000-Seelen-Wellblechdorf koordiniert. Um das arme Dorf herum haben weiße Farmer ihren Besitz durch Zäune geschützt. Von 2008 bis 2010 bekamen die Bewohner ca. 100 Namibia-Dollar im Monat - ohne Bedingungen. Das 2,4 Millionen Namibia-Dollar teure Pilotprojekt wurde angeregt und getragen von der evangelischen Kirche Namibia, mitfinanziert von verschiedenen Hilfsorganisationen, der Evangelische Kirche im Rheinland und Westfalen und der Organisation "Brot für die Welt".

Ist dieses Pilotprojekt in dem Dorf Otjivero, welches als ungewöhliches Entwicklungshilfeprojekt die mediale Aufmerksamkeit in Deutschland erregte, vergleichbar mit einer demokratischen Grundeinkommensbewegung, welche seit einigen Jahren besonders in Deutschland zu spüren ist? Oder ist das Projekt von Otjivero nicht im Grunde ein Entwicklungshilfeprojekt im klassischen paternalistischen Sinne? Und warum engagiert sich die evangelische Kirche besonders für ein Grundeinkommen in Namibia und nicht in Deutschland?

Unser Arbeitsbegriff wurde entscheidend durch das protestantische Arbeitsideal geprägt. Denn letztendlich sei der, der durch seine Arbeit zu Geld gekommen ist, als von Gott gesegnet gesehen worden, erläutert der Philosoph Dr. Joachim Heil. Ein Einkommen ohne Bedingungen zu erhalten, ist gerade das Gegenteil des protestantischen Arbeitsethos. Denn 'nur wer arbeite, soll auch essen' gilt auch heute noch als christlich verkauftes und unreflektiertes moralisch-ethisches Fundament. Macht der Arbeitsbegriff in der evangelischen Kirche einen Wandel durch?

Wünschenswert wäre dieser Wandel. Nicht nur hin zu einem zeitgemäßen Arbeitsbegriff, der nicht nur Erwerbsarbeit als Arbeit versteht. Sondern auch ein Wandel in der Toleranz anderen Kulturen gegenüber. Denn "deutsche" Ideen sind nicht immer gut für alle. Auch wenn sie gut gemeint sind. Horst Köhler sagt dazu: "Die Zeiten, in denen wir europäische Entwicklungsvorstellungen einfach auf Afrika übertragen haben, ohne auf die besonderen Umstände vor Ort zu achten, sind vorbei. Bis heute kämpfen viele afrikanische Länder damit, dass die aus Europa übernommene Idee des Nationalstaats sich nur schwer mit den Realitäten ihrer durch eine Vielzahl von Völkern und Sprachen gekennzeichneten Gesellschaften in Einklang bringen lässt. Die Frage, wie das Zusammenleben verschiedener Gruppen friedlich gestaltet werden kann und was unter solchen Umständen ein Gemeinwesen zusammenhält, muss aus den afrikanischen Gesellschaften heraus beantwortet werden."

Dies gilt in besonderem Maße für die Idee des Grundeinkommens. Denn ob die Namibier ein Grundeinkommen wollen oder nicht, können nur sie selbst herausfinden. Lässt man ihnen diese Möglichkeit nicht, verletzt man ihre Souveränität und verlässt den Boden der Demokratie. Ein Grundeinkommen als Almosen aus dem Westen oder als Alimentation wäre kein Grundeinkommen und nichts Neues für Afrika.

Und doch können wir auch lernen von solchen Projekten, wie auch von dem noch kleineren Projekt in Quantiga Velho, Brasilien, in dem weniger als 100 Personen ein Grundeinkommen erhalten. Was? Dass Menschen nicht faul sind, weder in Quantiga Velho noch in Otjivero. Und, dass man mit mehr Sicherheit aktiv werden kann, weniger Alkohol braucht, Bildungsangebote  genutzt werden, dass besonders Frauen kreativ tätig werden. Und die Befürchtungen sind gleich, ob in Otjivero, Quantiga Velho oder in Deutschland. Das protestantische Arbeitsethos ist schon weit gereist: "Dann arbeitet doch keiner mehr...", "Wer soll das bezahlen?",  "Das ist doch nicht gerecht, wenn es auch die bekommen, die genug haben."

Die genug haben? Das war die Geschichte mit dem Schwein. Der ein Schwein hatte, in Quantiga Velho, "hatte doch kein Schwein" und sollte kein Grundeinkommen erhalten, weil er ja schon das Schwein habe. So hatte es die Grundeinkommens-Dorf-Versammlung entschieden. Aber das sei doch kein Grundeinkommen, wenn nicht alle das gleiche erhielten, meinten die Zuhörer von Bruna und Markus, von Recivitas aus Brasilien. Und die Grundeinkommens-Dorf-Versammlung hat sich wieder umentschieden, weil der Bauer mit Schwein der Grundeinkommens-Dorf-Versammlung plausibel machen konnte, warum er ein Grundeinkommen genauso brauche wie sie. Die Menschen in Quantiga Velho haben es verstanden. Weil sie sich bewegt haben, innerlich.

In der Frage nach dem Schwein steckt der ganze Grundeinkommensprozess. Weil da etwas in Bewegung kommt, in einer Gemeinschaft. Man kann auch bewegt sein, oder bewegt werden. Aber wer etwas bewegen will, muss sich selbst bewegen. Warum andere in Namibia bewegen? Das eigene Denken zu bewegen, auch mal in eine andere Richtung, ist vielleicht unbequemer aber effektiver.

Frank Thomas


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