Kriegszustände, Klassenbewusstsein und ein Paradoxon

Kriegszustände, Klassenbewusstsein

Nicht jeder hat ihn erlebt, den Krieg. Oder doch? Eine Zeit, in der alles knapp ist. Andere Gesetze herrschen. Die Produktion nur ein Ziel verfolgt: Die Krieger zu versorgen, mit Waffen und Nahrung. Wenn Kriegszustände herrschen gibt es zwei Klassen: Krieger und Nichtkrieger. Und wer kein Krieger ist? Nicht so wichtig. Er bekommt nicht so viel, oder nichts. Muss sich selbst versorgen. Weil alles knapp ist.

Heute, "nach" der 1. globalen und der zweiten europäischen Finanzkrise, scheint auch alles wieder knapp zu sein. Und es soll wieder gespart werden. Erst wurden Rettungspakete und -Fallschirme geworfen für die too-big-to-fail. Nun sind es sogenannte Sparpakete, für die bereits Gefallenen, welche keine Krieger mehr sind.

Sparpakete für Nichtkrieger? Es sind Verordnungen per Gesetz, für die finanziell Schwächsten, mit noch weniger auszukommen als bisher. Die Beiträge zur Rentenversicherung sowie das Elterngeld sollen gestrichen werden beim ALG II. Wer Wohngeld bezieht soll ohne Heizkostenzuschuss auskommen. Die Zuschläge beim Übergang vom Arbeitslosengeld I ins Arbeitslosengeld II  sollen ersatzlos wegfallen. Das Elterngeld soll gekürzt werden. Wobei das Elterngeld wie die meisten Sozialleistungen als Erwerbstätigenersatzleistung nach dem Prinzip gezahlt wurde und wird: Wer viel hatte bekommt weiterhin viel. Wer wenig hatte weiterhin wenig.  Insgesamt sollen über 10 Mrd. EUR an Sozialleistungen und Arbeitsmarktinstrumenten bis 2014 eingespart werden. Wünschenwert wären diese Einsparungen bei der Bürokratie. Wer will die?

Krieger und Nichtkrieger. Erwerbstägige und Nicht-Erwerbstätige. Unternehmer und Arbeiter. Gesunde und Kranke. Behinderte und Nicht Behinderte. Diese Begriffe entspringen unserer Gewohnheit alles zu vereinfachen. Die Wirklichkeit ist komplexer, nicht schwarz-weiß. Aber es ist anstrengend, Begriffe immer wieder zu überprüfen und der Wirklichkeit anzupassen. Wir sind alle behindert, mehr oder weniger. Auch im Denken. Niemand ist ein Sonderling. Wir sind alle Menschen in einer Gemeinschaft. Diese Erkenntnis führte zu der Umbenennung von Sonder- zu Förderschule. Alle sind wir Unternehmer. Jeder arbeitet in einer Gemeinschaft. Nur anders. Manche im wirtschaftlichen, andere im sozialen, als Familienunternehmer zum Beispiel. Nur nicht jeder hat genug Geld, um ein Familienunternehmen führen zu können. Oder seine Fähigkeiten dort einzusetzen, wo er es für wichtig erachtet. Mit einem Grundeinkommen, welches bedingungslos an das Menschsein gekoppelt ist, wie das Kindergeld und nicht an Arbeit, wäre es möglich, wenn es hoch genug ist.

Durch die Finanzkrisen wurde sichtbar, dass Wirtschaft und Finanzwirtschaft zwei verschiedene Dinge sind. Die Wirtschaft braucht Geld, um wirtschaften zu können. Doch was ist die Wirtschaft und wohin fließt das Geld? Das Geld fließt immer zu Menschen, wird zu Einkommen, dass Menschen arbeiten, sich mit ihren Fähigkeiten einsetzen können. Je mehr Menschen ihre Fähigkeiten einsetzen können, um so besser wird es unserer Gemeinschaft gehen. Und weil schon viel in technischer Hinsicht gedacht wurde, haben wir heute Automaten, welche das für uns tun, was wir wollen. Die Regale der Supermärkte und Warenhäuser sind voll, trotz Finanzkrise. Die Fähigkeiten der Menschen und der Maschinen bleiben von den Finanzkrisen ganz unberührt. Was unseren Reichtum ausmacht ist nicht das Geld. Es sind die Fähigkeiten der Menschen, welche Wirtschaft und Gemeinwesen tragen.

Die Finanzkrisen zeigen, dass es keine Knappheit gibt an Waren und Dienstleistungen. Keine Kriegszustände. Es mangelt an nichts. Doch wenn die Antwort auf die Krise, sparen bei den finanziell Ärmsten, in einem der reichsten Länder sein soll, dann wird klar: Es ist schlimmer in einem reichen Land arm zu sein, als in einem armen Land.   

Die Frage danach, wer wieviel Geld benötigt, kann in einer Demokratie nicht eine Frage von wenigen sein. Wie die Geldverteilung in einem Gemeinwesen aussieht, wie die Privatisierung von Gewinnen und Sozialisierung von Schulden bei Banken, muss von allen Bürgern entschieden werden. Geld ist eine Frage des Rechts, des Anspruchs auf Waren und Dienstleistungen. Die Frage nach Geld als individuelles Bürgerrecht ist eine Demokratiefrage.

Wie wir mit der Geldfrage umgehen, zeigt, ob wir uns als Bevormundete und Sklaven unserer selbst begreifen. Damit werden die gewohnten Strukturen bestätigt, die Verantwortung denen überlassen, die es ändern sollen und unser Blick bleibt auf Vergangenes gelenkt. Oder ob wir uns als freie Bürger in einer Demokratie verstehen. Das heißt mehr Verantwortung für das eigene Handeln selbst zu übernehmen und uns als Bürger einer Gemeinschaft, eines Organismus und nicht als Teil einer Klasse zu begreifen. Da richtet sich der Blick auf etwas zukünftiges, eine Vision, ohne Arzt. Der kann da auch nicht helfen...

Grundeinkommen ist ein Paradoxon. Denn im Grunde muss man schon besitzen, wofür man streitet. Ginge es bei der Geldfrage tatsächlich um etwas Materielles, wäre es schlecht um uns bestellt. Denn die Gesetze von Raum und Zeit lassen es nicht zu, dass man etwas gleichzeitig besitzt und nicht besitzt. Eine Sache an zwei verschiedenen Orten geht nicht.

Anders sieht es aus, wenn es um eine Idee geht. Die Idee der Freiheit jedes einzelnen. Grundeinkommen als Souveränitätsmultiplikator. Eine Idee wird größer, je mehr sie geteilt, gedacht wird. Die Vorraussetzung, um Freiheit zu begreifen ist, dass man sie in sich selbst schon kennt. Das Paradoxon löst sich auf.

Frank Thomas

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