Grundeinkommen auf der Bühne
Am 12. März wurden die Bühnenstücke zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen premiert. Die tri-bühne in Stuttgart hatte mit dem 1. stuttgarter Autorenwettbewerb aufgerufen, das bedingungslose Grundeinkommen zu thematisieren.
Hier die Inhaltsangaben der 6 premierten Bühnenstücke. Gerne stellen wir den Kontakt zu den Autoren her, wenn Interesse an den Bühnenstücken besteht. Im SRW2 Journal wurden die Ergebnisse des Autorenwettbewerbs besprochen.
- Von Chancen und Schangsen
- Apparatschik
- EIN GELD MUSS HER
- schwierige übung freiheit
- social flat
- IM DELIRIUM
Von Chancen und Schangsen
von Bettina Kenter
“Arbeitslose ohne Kohle“ haben sich zur Selbsthilfegruppe „A-L-O-K“ zusammengetan; denn: „kaum jemand wagt es noch, sich zu wehren“ oder gar von einem besseren Leben zu träumen; Geldmangel und Schikanen durch die ARGEn machen den „ALOKs“ schwer zu schaffen; und weil sie sich für das „Bedingungslose Grundeinkommen“ einsetzen, hat der Pfarrer ihnen auch noch den Versammlungsraum entzogen.
Die Messnerin stellt der Gruppe das Messnerhaus für Treffen zur Verfügung. Nachdem sie deshalb vom Pfarrer vergrault worden ist, veranstaltet sie gemeinsam mit den ALOKs eine Informationsveranstaltung zum BGE.
Von Schikanen, Sanktionen, Überwachungen, Kürzungen und Haus“besuchen“ durch die ARGEn betroffen sind auch andere: eine Schwangere und ihr Lebensgefährte, denen die Umzugsgenehmigung für eine dringend benötigte Wohnung vorenthalten wird, eine ehemalige Prostituierte, der man bei Strafandrohung nahelegt, ihre alte Tätigkeit wieder aufzunehmen (die seit 2001 de jure nicht mehr „sittenwidrig“ ist!), ein junger Schwarzer, der wegen ausbleibender Leistungen verzweifelt, und eine alleinerziehende Mutter zweier Töchter, die observiert wird. Sie alle suchen schließlich Hilfe bei den ALOKs.
Ein einsamer Arbeitsloser sieht die letzte Möglichkeit zu einem selbstbestimmten Leben unter der Brücke, wo er in der Kälte und an der Kälte seiner Mitmenschen stirbt.
Als die ALOKs nach diesem Vorfall die ARGE stürmen und ihre (ohnehin schon stark beschnittenen) Rechte einfordern, eskaliert die Situation …
Wie diese gefährliche Situation sich weiterentwickelt – und wohin Deutschland tatsächlich gehen wird, das bleibt offen. Im gemeinsamen Schluss-Song der Darsteller schimmert Hoffnung durch: die Hoffnung auf eine echte Chance zu einem menschenwürdigen, selbstbestimmten, kreativen und sinnvolleren Leben mit dem BGE.
Alle im Stück erwähnten Fallgeschichten sind der Realität entnommen.
Apparatschik
von Timo Krstin
Apparatschik ist ein episches Drama. Es erzählt einen Tag aus dem Leben des M. An diesem Tag verliert M morgens seine Anstellung bei einer Bank und macht sich auf den Weg nach Hause zu seiner Familie. Unterwegs geht er all jene Stationen ab, an denen er in den vergangen Jahren gelebt und Zeit verbracht hat und trifft Menschen, die ihn begleitet haben. Während dieses Weges, versucht er ein letztes Mal, sich mit seinem Umfeld über die Gründe für sein Scheitern auseinander zu setzen. So schafft er es im Laufe des Tages, der mit einer Katastrophe begann, vorsichtig etwas Hoffnung zu schöpfen, eine Hoffnung jedoch, die in letzter Sekunde durch einen Schicksalsschlag vernichtet wird. M landet am Ende da, wo das Stück begonnen hat, im Büro seines Vorgesetzten.
Apparatschik versucht im klassischen Sinn, den Weg eines Einzelnen exemplarisch zu nehmen für bestimmte Tendenzen in der Gesellschaft. Dadurch werden am konkreten Leben Strukturen zur Steuerung des Individuums transzendent, die im abstrakt Allgemeinen als verdeckte Machtmechanismen funktionieren.
EIN GELD MUSS HER
von Walther Vögele
Der chaotische Witzbold FRANZ ist mal wieder gefeuert worden und für seine Mutter MARGARETHE, eine stramme Geschäftsfrau, steht fest: ihr Zögling ist faul und selbst Schuld. Es stellt sich heraus, dass der alte MUSTERMANN, Vermieter und Lieferant der Mutter, ihn selbst entlassen hat und von Franz verlangt, einen Niedriglohnjob anzunehmen. Die alten Honoratioren des Landes, vertreten durch die typisierten Commedia-dell’arte-Figuren MUSTERMANN, MARGARETHE und DOTTORE verteidigen ihre festgefahrenen Sichtweisen – einer besserwisserischer und rechthaberischer als der Andere. Für Margarethe und Mustermann ist Franz faul und allein schuldig. Für Dottore ist Mustermann ein Dreckskapitalist, und Mustermann findet, Dottore rede Kommunistenkacke. Sobald Franz anhebt, selbst etwas zu sagen, bekommt er von allen sogleich Dresche: „Ohne Schläge arbeitet Franz ja nicht.“ Mit Schlägen allerdings auch nicht und es bleibt ihm nichts anderes übrig als in der sozialen Hängematte zu liegen, denn es gibt einfach nicht genug Jobs.
Als REINER GEIST („Sie können mich Reiner nennen“) auftritt und von ernsten, akuten Krisen berichtet, die die Honoratioren zum Handeln zwingen, ringen sie sich zu einem komplizierten System von staatlichen Transferleistungen durch, von denen unten bei Franz jedoch nichts ankommt. Nach kurzer konjunktureller Erholung tritt die Krise nur noch heftiger auf und sogar Margarethe, die bisher immer zu Mustermann hielt, schwenkt jetzt um und nimmt an dem Aufstand von Dottore und Franz gegen Mustermann teil.
Aber den Unternehmer zu verprügeln und seine Fabriken zu demolieren wird kaum eine langfristige Lösung sein. Im Fiebertraum der revolutionären Wirren erscheint allen Beteiligten die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens plötzlich nicht mehr als langweilige Gestalt eines Altachtundsechzigers, sondern als attraktive Jungfrau – als eine Art Synthese aus Links und Rechts, als zeitgemäße mögliche Lösung für viele akuten Probleme. Doch im wachen Zustand geht die alte Rechthaberei von vorn los, und es erscheint wieder fraglich, ob die Bürger sich zu echten, nachhaltigen Veränderungen durchringen können.
schwierige übung freiheit
von Stefan Filipiak
"schwierige übung freiheit" ist kein fertig notiertes Theaterstück, sondern ein Konzept. Es ist eine Übung, die das Thema „Bedinungsloses Grundeinkommen“ dramatisch umsetzt und zu einem theatralischen Ergebnis führt. Das Konzept basiert auf der Grundidee der biographischen bzw. Dokumentartheaterarbeit. Es lässt die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens dort ankommen, wo sie sich bewähren muss: in den Köpfen derjenigen, die in Zeiten erodierender Normalarbeitsverhältnisse keine persönlichen (Entwicklungs-)Chancen mehr sehen.
social flat
von Klaus C. Schreiber
social flat ist ein Stück über die Glaubwürdigkeit unserer Politiker am Beispiel des designierten Spitzenkandidaten seiner Partei: Karl Marquardt übt seine Antrittsrede und bekommt dabei Zweifel an der Substanz seiner Aussage. Sein Sohn Josch hat eine politische Zelle gegründet, die sich für die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens einsetzt. Der Vater-Sohn-Konflikt ist vorprogrammiert und findet seinen Höhepunkt bei der Kandidatenkür auf dem Parteitag. Josch und sein Freund Friedrich lassen als vermummte Demonstranten Flugblätter auf die Delegierten regnen. Karls Parteifreund Müller-Breitfeld versucht zu retten, was zu retten ist. Jorinde von Eisleben, ehrgeiziger Polit-Vamp mit Gespür für geschlechtsorientierte Vorteilgewinnung, wirft sich jeder Idee an den Hals, die ihre Karriere weiterbringen kann. Und dann gibt es da noch Clärchen, Karls Haushälterin und Joschs Ersatzmutter.
Sie hat im Hause Marquardt noch jeden Knopf wieder angenäht. Als sie - zwecks Einsparung von Sozialausgaben - gekündigt wird, macht sie sich selbständig und beginnt den Kampf um ihr Pro-Knopf-Einkommen, bei dem so mancher Politiker die Hose runterlassen muss.
Hans, ein Geologe auf der Suche nach Lithium, ist in der Sahara in einen Sand-sturm geraten und hat seine Gruppe und die Orientierung verloren. Ohne GPS und ohne Wasser irrt er immer verzweifelter durch die Wüste. Nachts träumt er von einer Gruppe Kameltreiber, welche ihn ausfragen und berauben, aber keine Hilfe gewähren. Eine Gruppe von Weihrauchhändlern möchte ihm dagegen Drogen verkaufen, aber kein Wasser. Erst der Beduine Ali Baba schenkt ihm seine Wasserflasche und schickt ihn in eine Oase, die am Horizont zu sehen ist. Auf dem Weg dahin bekommt er vor Durst Halluzinationen. Im Delirium erscheint ihm Fata Morgana, welche ihn in ihrem Zelt verspricht, bei ihr wie im Paradies zu leben. Die Kameltreiber sind strikt dagegen, weil sie um ihre Existenz fürchten. Die Weihrauchhändler dagegen können sich ein bedingungsloses Grundeinkommen vorstellen und würden dafür sogar Steuern zahlen, damit ihr System erhalten bleibt. Ali Baba aber möchte, dass die Armen ihre kümmerlichen Transferleistungen mit höheren Konsumsteuern selbst bezahlen. Eine Gruppe Brunnenbauer findet nur die Knochen der verschollenen Geologen, beginnt aber trotzdem neue Brunnen in der Sahelzone zu graben.
EIN GELD MUSS HER wird im November in Stuttgart Premiere haben.
Dem BGE Medienspiegel folgen
















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