Ich bin erwerbstätig - also bin ich?

Ich bin erwerbstätig - also bin ich?

Was machen Menschen, die etwas tun wollen, es aber nicht können oder dürfen, weil ihnen die Möglichkeit dazu fehlt und Geld? Und die, anstatt zu tun was sie wollen, lernen müssen, alles zu tun gegen Belohnung, für Geld? Sie werden erwerbstätig, versuchen es jedenfalls. Erwerbsarbeit erscheint wie eine kollektive disziplinarische Maßnahme. Nur wer spurt, erhält Geld. Ist es denn anders?

Jeder ist ein Künstler, sagte Joseph Beuys und meinte: Jeder ist der Gestalter der eigenen Biografie, weil jeder Mensch ein Werdender ist, sich selbst bestimmen will. Dazu muss niemand Kunst studieren, nur die Wirklichkeit beobachten. Jeder ist ein König. Keiner ein König anderer und jeder das, was er werden will. Das ist immer noch eine Revolution im Anerkennen des freien Bürgers, welche bis heute noch nicht bei jedem angekommen ist, obwohl unser Wohlstand nur auf dem Königreich der Ideen gründet. Wir leben im Grunde von unserer Kreativität und Produktivität. Doch diese Entstehungsprozesse überziehen wir mit einem völlig willkürlichen Raster der Lohnarbeit. Wie das aussieht kennen wir.

Bei wem das noch nicht angekommen ist? Bei all denen, welche noch immer mit dem Kopf denken. Das Herz kann die Kälte empfinden, die von manchen Intelligenzen ausgeht, welche sich vor lauter Angst nur in ihre Köpfe zurück ziehen, wie eine Schnecke in ihr Haus. Solche Angsthasen behaupten dann zum Beispiel, ein bedingungsloses Grundeinkommen sei nicht finanzierbar, ohne zu bemerken, dass es längst finanziert ist. Denn es mangelt nicht an Geld oder Gütern, wohl aber an zeitgemäßen Begriffen. Sie glauben, sie würden für sich arbeiten, für einen Lohn. Doch Geld kann man nicht essen, weder als Buch- noch als Bargeld. Wer sind diese erkenntnisresistenten Schnecken im Gehäuse, die Gedankenfäden spinnen, an denen sie selbst kleben bleiben? Sind wir es selbst? Wir, mit unseren  Sorgen um die Zukunft, mit unseren Gewohnheiten, mit unseren Sparschweinen, dem Dax und Mutationen tierisch irrationaler Lebensstile, die wir für rational halten? Wir, die wir Arbeit als Ware verstehen, Freiheit mit Freizeit verwechseln, uns als Schnäppchenjäger frei wähnen und darum auch meinen, Unternehmen kaufen und verkaufen zu können, ohne zu fragen, warum der Profit Selbstzweck und zu einem gesellschaftlich anerkannten Lebensstil geworden ist?

Strecken wir doch mal die Fühler heraus, aus unserem Schneckenhaus, unseren Denkgewohnheiten, in Richtung Wirklichkeit. Was sehen wir? Menschen, die in hoch arbeitsteiligen Prozessen arbeiten, in welchen jeder für andere etwas leistet. Altruismus, Gutmenschen? Nein, wirtschaftliche Realität. Das Geld ist dabei nicht Ergebnis oder Ziel, sondern Mittel oder Möglichkeit. Freiheit kann es bedeuten, wenn genug davon da ist. Geld ist die Voraussetzung dafür, dass wir für andere etwas leisten können. Denn erst müssen wir essen, dann können wir arbeiten. Arbeit heißt heute: Etwas für andere leisten. Diese Tätigkeit selbst zu bestimmen, ermöglicht ein Grundeinkommen, weil es uns befreit, vom Zwang zur Erwerbstätigkeit. Jede Tätigkeit wird dann als wertvoll anerkannt. Lohnarbeit wird eine von vielen Tätigkeitsformen. Unsere Neugier müssen wir uns nicht mehr abgewöhnen, die uns offen in die Welt blicken lässt, von Kindestagen an, weil wir uns so einbringen können wie wir wollen und nicht wie wir sollen. Es ist nicht nur die Freiheit von Erwerbstätigkeit, sondern auch die Verantwortung zur selbständigen Tätigkeit. Das ist kein Schlaraffenland. Mut gehört schon dazu, dass wir allen Königen ermöglichen, sich selbst zu regieren.

Konsequent wäre, da wir uns als freie selbstbestimmte Bürger begreifen, nicht unsere Arbeit, also unseren Beitrag für andere, mit Steuern und Sozialabgaben zu belasten, sondern den Verbrauch der gemeinsamen Wertschöpfung. Unsere  Kreativität, unsere Tätigkeiten und Produktivität würden wir damit frei stellen, diese erst richtig in den Blick bekommen. Der Fokus auf die selbstbestimmte Arbeit, überhaupt auf unseren Arbeitsbegriff, zeigt, dass unsere Tätigkeit nicht nur unter der Knechtschaft der Existenzsicherung steht, sondern eben so stark unter einer steuerlichen Knute am falschen Ende des Arbeitsprozesses. Warum ist das so? Weil wir bisher immer davon ausgegangen sind, dass Arbeit Einkommen erzeugt, dass jeder für sich selbst arbeitet. Und je mehr er für sich leistet, desto besser sei es für ihn und um so schlechter für die anderen, so unsere Annahme. Deshalb setzt die Einkommenssteuer bei der Leistung an, um die Gemeinschaft an der Leistung des Einzelnen teilhaben zu lassen. Das entspricht einer Arbeits- und Wirtschaftsweise vor dem Beginn der Industrialisierung, wo Arbeitsprozesse noch überschaubar waren.

Moderne Herstellungsprozesse der Produktion sind weltweit verteilt, hoch spezialisiert und arbeitsteilig, und damit so komplex, dass sich diese kaum mehr verfolgen lassen. Viel mehr Menschen arbeiten heute an der Fertigstellung von Produkten weltweit zusammen und Automaten haben den entscheidenden Anteil der Produktivität übernommen. Es sind Produktionsgemeinschaften mit großer Ausdehnung entstanden. Der Einzelne nimmt das, was andere produziert haben und verbraucht es, wenn er konsumiert. Er nutzt die Wertschöpfung der Gemeinschaft. Daher ist es heute, anders als früher, richtig, den Verbrauch zu belasten und die Produktion, die menschliche Tätigkeit, frei zu stellen. Das schafft einen kreativen Freiraum, Raum für Innovation und zeigt: Wir - der Staat, das Gemeinwesen - unterstützen die Tätigkeit, das Engagement, den Beitrag des Einzelnen und belasten dasjenige, was der Einzelne verbraucht. Verbraucht er viel, zahlt er entsprechend viel Steuern und finanziert so das Grundeinkommen mit, durch seinen Konsum.

Steuern zahlen, also der Gemeinschaft etwas geben, wenn der Einzelne etwas kauft, also für sich in Anspruch nimmt, ist nicht nur gerecht im Kontext automatischer Produktionsprozesse, sondern es tut heute bereits schon jeder. Denn alle Steuern, Sozialabgaben und Löhne alles ist im Preis heute auch enthalten. Mit einem Unterschied: Steuern und Sozialabgaben sind in den Preisen, bis auf die Mehrwertsteuer nicht sichtbar. Eine konsequent umgesetzte Konsumsteuer würde diese nur sichtbar machen. Diese Verbrauchssteuer hätte noch einen Vorteil: Sie ist produktionsneutral. Das bedeutet, automatisiert hergestellte Produkte werden dem „Handwerk“ und Dienstleistungen gleichgestellt. Was heute nicht der Fall ist. Denn im automatisierten Produktionsprozess werden nur wenig Sozialabgaben getragen, diese sind also steuerlich begünstigt.

Ein Grundeinkommen zusammen mit einer Konsumsteuer würde nicht nur den aussichtslosen Wettstreit der Erwerbsarbeiter mit den Automaten beenden, sondern auch denjenigen zwischen Tätigkeiten, welche nicht rationalisiert werden können, wie z.B. alle Tätigkeiten in sozialen Arbeitsfeldern und den Prozessen, welche unter Einsatz immer ressourcenschonenderer und effektiverer Methoden Menschen von sinnentlehrter Arbeit befreit werden können.


Das Grundeinkommen ist, nach Wegfall der Einkommenssteuer, nichts anderes als der ausbezahlte Steuerfreibetrag und nicht länger bevormundende Sozialleistung von Millionen stigmatisierter Bürger. Arbeitskraft würde wieder bezahlbar. Die Erwerbsfixierung wäre aufgehoben. Und zwei Kontrollapparate würden rationalisiert: Der menschenunwürdige Bedarfprüfungsapparat und der Paragraphendschungel des Fiskus. Beide existieren nur aus Sorge und drücken  ein kollektives Menschenbild der Angst aus: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Dem Einzelnen und der Gemeinschaft dienlich wäre hingegen: Geld ist gut, Vertrauen ist besser. Denn Vertrauen ist die Investition in die Kreativität des Menschen.

Und wer zweifelt, ob ein Mensch, wenn er frei handeln kann, wirklich der Gemeinschaft dienlich ist, der frage sich, wie eine Gemeinschaft entsteht -

Durch Engagement des Einzelnen aus Freiheit.

Frank Thomas


Dr. Benediktus Hardorp entwickelte den Vorschlag der Konsumbesteuerung

Dass ein Grundeinkommen nicht anderes ist als der ausbezahlte Einkommenssteuerfreibetrag, stammt von Götz Werner



 

Mitteilungen

Vielen Dank für diesen Artikel!

Vielen Dank für diesen Artikel! Es war mir eine Freude ihn zu lesen. Herzliche Grüße,Susanne Wiest

Danke

Diesen Artikel finde ich so super, dass ihn jeder der eine Info zum BGE sucht, gelesen haben sollte. Wir werden ihn direkt auf unserer site Grundeinkommen4u.de unter BGE-Info verlinken. Eine so gut und leicht verständliche Information, hätte ich gerne eher gefunden. Herzliche Grüße aus Mönchengladbach Günter Dennhoven parteifreier Kandidat für dir Bundestagswahl '09

Super – Herzlichen Dank für den Artikel

Hallo Frank, damit triffst Du "das Nagel auf das Kopf". :-) Den Artikel habe ich auf der Site: www.Grundeinkommen4u.de verlinkt, damit auch von dieser Site viele ihn finden können. Wünsche Dir viel Glück bei der Kandidatur! Mit lieben Grüßen Ingrid

Krisenbetroffener

Ich gehöre zu der Generation der 20-30jährigen. Wir sind durchweg prekarisiert, egal ob mit oder ohne Ausbildung oder Studium, abgesehen von den letzten Beamtenbiotopen, in denen jedoch auch schon jeder Lehrer lediglich arbeitet und nicht mehr lebt aufgrund staatlichen Geldmangels.
Ruhiggestellt kann das Ganze gerade jetzt in der Wirtschaftskrise durch „flexible", sprich nötigende Abspeisungen wie zwischenzeitliche Jobs oder 6-Monats-Anstellungen auch nicht mehr. Eine apathische und ausblendende Stimmung prägt meistens uns junge Menschen von 20 bis 30 Jahren, es sei denn man hat zwischendurch mal ein „Projekt" ergattert. Arbeit wird es ja mittlerweile nicht mehr genannt.

Die Folgen in Hartz IV-Überwachungsseminaren wie Bewerbungen schreiben o.ä. sind ja bekannt.

Das Schlimmste ist die hoffnungsfrohe Akzeptanz und das kopfschüttelnde Verneinen der eigenen prekären Situation. Die absolute Kapitulation angesichts dieser verfahrenen Lage mündet bei uns jungen Menschen häufig im „locker bleiben, Hoffnung beibehalten, nich´soviel rumjammern, mal lieber Party machen" und und und.

Sind einige nicht in Hartz IV gelandet, sind sie selbständig oder Freiberufler, die neue Form des Sofort-Fallen-Gelassen nach Studium oder Ausbildung. Hier hangelt man sich dann von einem Projekt zum nächsten, manchmal gar unentgeltlich und es reicht schlichtweg nicht. In Verbindung mit familiären und freundschaftlichen Netzwerken koppelt man sich dann weitestgehend vom derzeitigen System ab: Kein Steuerzahler, kein Renteneinzahler, manchmal kein Krankenversicherungszahler. Nicht von hier und nicht von dort, aber man kann in der Öffentlichkeit sagen: Bin selbständig.

Familie oder Ehe? Wovon und wie lang soll so eine Idee gut gehen? Was ist das überhaupt?

So bleibt einem jungen Menschen noch der gesellschaftliche Freigang oder Auslauf, ohne gleich stigmatisiert zu sein. DIESE Entwicklung wird nicht mehr lange gut gehen, auch nicht mit Verdeckungs- und Statistikschönrednerei.

Dass die Vollbeschäftigung und das Wachstum ausbleibt, das wir aus der Vergangenheit kannten, ahnen wir. Ich selber hoffe deswegen auf den einzigen richtigen Schritt des Grundeinkommens, um unsere eh schon eingetretene Lage der Eigenverantwortlichkeit und Freiheit zu stärken.

Absurderweise ist die Idee der Vollbeschäftigung im alten Sinne DIE Utopie schlechthin und das Grundeinkommen die einzige Antwort auf die derzeitige Entwicklung. Ich hoffe, sie bekommen noch mehr Anhänger für diese Idee.

Kommentar hinzufügen

  • Keine HTML-Tags erlaubt
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Each email address will be obfuscated in a human readable fashion or (if JavaScript is enabled) replaced with a spamproof clickable link.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

CAPTCHA
Schreiben Sie die Lösung der Aufgabe in das Formularfeld. Durch die richtige Antwort unterscheiden sie sich von Spamprogrammen.

Nach oben