"Bleibe neugierig, bleibe verrückt"

Danke Deutschland- Werbekampagne des Bundesministeriums für Wirtschaft und Techn

"Bleibe neugierig, bleibe verrückt" - so beendete Steve Jobs seine viel beachtete  Rede im Jahr 2005 auf der Abschlussfeier der Stanford University. Überschrieben war sie mit "You've got to find what you love". Jobs sprach über seinen beruflichen Weg, beschrieb wie schwierig es sei, seinen eigenen zu gehen und rührte damit an grundlegenden Fragen von Individuum und Gemeinschaft.


Jobs: "Ihre Zeit ist begrenzt, verschwenden Sie sie nicht damit, das Leben eines anderen zu leben. Lassen Sie sich nicht von Dogmen gefangen nehmen - das würde bedeuten, mit dem zu leben, was andere Leute erdacht haben. Lassen Sie nicht zu, dass der Lärm, den die Meinungen anderer erzeugen, Ihre innere Stimme, die Stimme Ihres Herzens, Ihre Intuition überdröhnt."


Wer will schon das Leben eines anderen leben? Aber fördern wir durch unzeitgemäße Rahmenbedingungen nicht gerade Lebensläufe im Hamsterrad? Nicht nur jeder Einzelne muss letztlich seinen Weg alleine gehen und verantworten. Auch wir als Staat, als Gemeinwesen, gehen in der Demokratie den Weg, auf dem wir alle für alle verantwortlich sind. Jeden Tag neu. Schaffen wir dabei die Bedingungen für die bestmögliche Entwicklung jedes Einzelnen?


Ein Dogma aus dem Industriezeitalter ist die Reduzierung des Arbeitsbegriffs auf Erwerbsarbeit: Arbeit ist, wenn man Geld dafür bekommt. Ob jede Erwerbsarbeit sich günstig für das Gemeinwesen auswirkt, wird nicht gefragt. Wie sähe unser Handeln aus, wenn jeder nur das täte, wofür und weil er bezahlt wird? Es gäbe keinen Kuchen zum Geburtstag, kein Ehrenamt, keine Nachbarschaftshilfe, keine Haus- und Familienarbeit. Es gäbe kein politisches und soziales Engagement. Unserer Gemeinschaft würde ihr Herz fehlen, und der Freiheitsbegriff.


Aus der ausschließlichen Anerkennung der Erwerbsarbeit, als gesellschaftlich wichtigste Tätigkeit, entstand das Ziel der Vollbeschäftigung. Auf der Webseite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie heißt es dazu aktuell: "Danke, Deutschland. - Danke, Wirtschaft. So viele Menschen in Arbeit wie nie zuvor. ... Die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordtief: Mit 6,6 Prozent ist die Arbeitslosenquote am Jahresende die niedrigste seit 20 Jahren."


Doch diese Zahlen blenden. Denn sie lenken den Blick auf die Arbeitsplatzzahl und nicht auf das Arbeitsvolumen. Sie wollen folgendes glauben machen: Je mehr Erwerbstätige, um so besser. Doch die Produktivität, das Bruttosozialprodukt wuchs nicht, weil mehr gearbeitet wurde. Dazu das Statistische Bundesamt: "1970 arbeitete ein Erwerbstätiger im früheren Bundesgebiet durchschnittlich noch 1966 Stunden pro Jahr. 1991 waren es nur noch 1559 Stunden. Im Jahr 2006 durchschnittlich 1436 Stunden." In den letzten Jahrzehnten musste immer weniger gearbeitet werden, um eine immer höhere Wirtschaftsleistung zu erbringen. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg dennoch in diesem Zeitraum, durch steigende Frauenerwerbstätigkeit und den steigenden Anteil an Teilzeitbeschäftigung. Arbeitsplätze zu schaffen, nur um sie hinterher zählen zu können, entwertet jede Arbeit und macht sie sinnfrei.


Eine Notwendigkeit der Vollbeschäftigung aus wirtschaftlicher Sicht existiert also nicht. Das Ziel der Vollbeschäftigung dennoch wirtschaftlich zu begründen, ist daher atavistisch und irrational. Ebenso irreführend von 6,6 Prozent Arbeitslosigkeit zu sprechen, wenn viele Arbeitslose nicht gezählt werden. Nicht gezählt werden Ein-Euro-Jober, Arbeitslose über 58 Jahren, in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, in Trainingsmaßnahmen, in Bürgerarbeit, in Eignungsfeststellungsmaßnahmen, in Fremdförderung, in beruflicher Weiterbildung, krankgeschriebene Arbeitslose und solche, die nicht mindestens 15 Stunden pro Woche arbeiten können.


Trotz aller Zahlentricks: Arbeit kann man nicht schaffen, sondern sie nur erledigen und ermöglichen.


Es ist ein Erfolg, wenn mit weniger Aufwand mehr erreicht werden kann. Arbeitslosigkeit ist historisch ein großer Erfolg. Obwohl nur 40 Prozent erwerbstätig sind, werden Güter im Überfluss produziert. Welche Gründe braucht man heute, nicht jedem Bürger so viele dieser Güter zu garantieren, dass er menschenwürdig leben kann? Nicht finanzierbar, wegen Güterknappheit? - Kulturverfall, weil keiner mehr arbeitet oder das tut, was er wirklich für sinnvoll hält? - Ungerecht, wenn jeder genug zum Leben hat? Oder muss man sich doch von Dogmen lösen, wie Steve Jobs rät, um Neues in die Welt zu bringen und nicht das Leben eines anderen zu leben?


In fast allen Parteien wurde, ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Trennung von Arbeit und Einkommen, als Alternative zum heutigen Sozialsystem diskutiert. Die Piraten sind die einzige Partei, mit Sitzen im Berliner Landtag, welche die Idee für die Wahl 2013 in ihr Parteiprogramm aufgenommen haben. Ein Grund Ihres Erfolges ist die Forderung eines zeitgemäßen neuen Sozialsystems.


In der Schweiz startet am 21.4.2012 eine Volksinitiative zum Bedingungslosen Grundeinkommen. Dort wird abgestimmt, ob man ein Grundeinkommen mit oder ohne Bedingungen für zeitgemäß hält. Es bleibt also spannend, wie viele neugierige und verrückte Menschen selbst entscheiden werden, was sie wollen.


Frank Thomas

 

Steve Jobs Rede zum lesen und ins deutsche übersetzt

Dieser Artikel erschien in der Printausgabe der  Umweltzeitung Braunschweig.

Die Werbekampagnewebseite des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie  mit der oben erwänten  Werbung existiert mittlerweile nicht mehr. Dort hieß es wie folgt:

Deutschland steht heute robust da. Das ist das Verdienst der Wirtschaft und damit der vielen Unternehmerinnen und Unternehmer und ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jeden Tag aufs Neue Höchstleistungen bringen. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, die Unternehmen investieren und schaffen neue Arbeitsplätze. Der Arbeitsmarkt läuft auf Hochtouren. Über 41 Millionen Menschen haben einen festen Arbeitsplatz - das sind so viele wie nie zuvor. Die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordtief: Mit 6,4 Prozent liegt die Arbeitslosenquote so niedrig wie zuletzt vor 20 Jahren. Besonders erfreulich ist dabei, dass es in fast allen Personen- und Altersgruppen weniger Arbeitslose gibt: So hat sich die Langzeitarbeitslosigkeit seit 2005 nahezu halbiert, und auch unter den Jugendlichen ist die Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.
Danke, Deutschland. - Danke, Wirtschaft.

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