Grundeinkommen, EM und Fussball-Spiele

Will man in der Hauptstadt während der EM ein Fußballspiel in Gesellschaft erleben, so ist es nicht einfach, einen guten Platz in einer der vielen Kneipen mit Leinwand oder Bildschirm zu ergattern. Alternativ muss man, um ein Spiel zu verfolgen, jedoch gar kein Platz einnehmen. Denn durch das Sich-Selbst-Bewegen, vorbei an den vielen Fußballspiel-Projektionsflächen, während der Suche nach der besten Location, kann das Spiel verfolgt und anhand der mehr oder weniger gebannten Kneipenbesucher Qualität, Atmosphäre und Spielstand abgelesen werden.

Das große gemeinsame Interesse, alle gesellschaftlichen Schichten übergreifend, erinnert nicht nur an die WM 2006 in Deutschland sondern zeigt auch, dass Millionen Menschen unterschiedlichster Länder und Kulturen gleiche Bedürfnisse haben: Teilnahme. Millionen Menschen nehmen Anteil an dem Verlauf eines Spiels, voller Emotionen. Dabei ist es bemerkenswert, dass unser Interesse für den Fußball größer zu sein scheint als unser Interesse für die existenziellen Folgen von Millionen von Menschen nach Naturkatastrophen. Von beiden Ereignissen erfahren wir durch die Medien. Von beiden Ereignissen sind wir nicht selbst direkt betroffen, weil wir nicht selbst auf dem Spielfeld stehen und auch unser Haus nicht überschwemmt wurde. Doch es sieht so aus, dass unsere Emotionen und unser Interesse für das Fußballspiel und die Mannschaften größer ist. Wir sprechen sogar „Wir haben gewonnen“ oder „Die Türken spielen gegen uns im Halbfinale“.

Dieses „Wir“ erinnert daran, dass wir eine Gemeinschaft sind, eine Gemeinschaft von Individuen, die in einem Staat gemeinsam leben. Zur selben Zeit ein ähnliches Schicksal erleiden, die selbe Sprache sprechen, eine ähnliche Sozialisation und Vergangenheit erlebt und gemeinsame Erinnerungen haben und ähnliche Wertvorstellungen uns verbinden. Wir sind gleich vor dem Gesetz. Wir leben in der gleichen gesellschaftlichen Ordnung. Und wir haben gleiche Bedürfnisse.

Wollen und müssen wir nicht alle wirtschaftlich abgesichert sein, um unsere demokratische Kultur zu bereichern und teil nehmen zu können an dieser, z.B. an einem Fußballspiel? Ein Fußballspiel als kulturelles Ereignis wird erst möglich, weil Spieler und Zuschauer wirtschaftlich freigestellt sind. Kein Spieler oder Zuschauer produziert lebensnotwendige Dinge während des Spiels. Und gerade dadurch entsteht erst unsere Kultur, dadurch können wir uns frei in einem Fußballspiel begegnen, weil wir nicht gezwungen sind, in dieser Zeit etwas produktives zu leisten.

Was ist ein Fußballspiel? Das Zentrum und Herz dieses gesellschaftlichen Fußballereignisses ist ein Spiel, auch wenn das „Drum-Herum“ heute eine enorme ökonomische Bedeutung gewonnen hat. Sicher ist ein Grund für dieses gesellschaftlichen Ereignisses auch das Gemeinschaftserlebnis. Teil zu nehmen an einer Gemeinschaft und sei es auch nur als Zuschauer. Doch was ist so interessant an einem Spiel für Millionen von Menschen? Ist das Spiel für den einzelnen Menschen als Zuschauer so faszinierend weil es eine Massenveranstaltung geworden ist, immer mehr Bedürfnisse befriedigt und damit große Geldströme in Bewegung gesetzt werden? Oder ist das Fußballspiel, das Spiel so faszinierend, weil der Mensch dort etwas (sinn-)freies tut - weil „der Mensch nur da Mensch ist, wo er spielt“ wie Friedrich Schiller sagte?

Warum spielen wir selbst? Wir spielen, weil wir uns im Spiel nicht nur frei erleben, sondern weil wir uns als Mensch erleben. Wenn wir spielen, sind wir nicht dazu gezwungen zu spielen, sondern wir spielen, weil wir es wollen, weil wir uns einbringen wollen. Das Typische des Spiels ist, dass es von der Initiative der Mitspieler lebt, dem freien Engagement der Spieler und dem Vertrauen auf den anderen. Die freie Entscheidung, die Initiative des Individuums und seine Phantasie entscheiden über das Spiel. Je phantasievoller ein Spieler spielt, je origineller seine Ideen, je engagierter und ungewohnter seine Aktionen sind, desto erfolgreicher wird er sein und um so interessanter ist das Spiel. Und was ist noch typisch für das Spiel? Es ist nicht vorhersehbar, wie es verläuft. Und derjenige, der mitspielt, entscheidet mit seinem individuellen Einsatz darüber wie die Zukunft aussehen wird. Das ist das faszinierende: Der freie Mensch, der durch seine Initiative die Zukunft bestimmt. Dadurch ist der Mensch Mensch und damit hat er Macht über die Zukunft.

Man kann sich jetzt fragen, warum gerade heute Spiele in Form von Fußball-Wettkämpfen aber auch andere Formen von Spielen, welche heute einen Boom erleben, so große Massen begeistern? Wir haben heute Arbeitsteilung. Die einen spielen und die anderen sehen zu. Das ist auch Arbeitsteilung. Aufgaben, die zu erledigen sind, werden vielen zugeteilt, häufig nicht frei gewählt. Denn sowohl das Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis wie auch das Arbeitsagentur-„Kunde“-Verhältnis ist nicht gerade von Freiheiten, als vielmehr von Pflichten, geprägt. Auch wenn der Begriff „Kunde“ dieses verschleiern soll, denn ein Kunde hat tatsächlich eine freie Wahl, ein abhängiger „Kunde“ der Arbeitsagentur allerdings nicht. Und auch das Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis suggeriert ein nicht vorhandenes Gleichgewicht, von Geben und Nehmen. Von einem freien Spiel, von dem oben die Rede war, kann also auf Grund offensichtlicher Abhängigkeiten und zwar in allen Einkommensschichten nicht die Rede sein. Denn selbst gut bezahlte Manager stehen unter dem Druck profitable Renditen zu präsentieren, um nicht ihren Posten zu verlieren. Als frei einer Tätigkeit nachgehend und diese Aufgabe als Berufung erlebend, empfinden sich heute die wenigsten. Eher wird die Tätigkeit als Job erlebt, als Einkommensplatz, den man hat, weil man muss. Und so rackern wir uns ab und halten bis zum Monatsende durch, weil wir glauben, am Monatsende dafür unseren Lohn zu erhalten. Wir sind Lohnarbeiter. Noch.

Und was machen wir in unserer Freizeit, die uns durch unseren Arbeitsvertrag zugeteilt wurde? Wir suchen uns Ideale, Ideale zum angucken. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zum konsumieren, angeboten durch Massenmedien. Die zunehmende Reduzierung der Arbeit auf Broterwerb, auf das rein wirtschaftliche und der Sinnverlust des Arbeit erzeugt eine Sehnsucht nach dem Menschlichen, nach Freiheit. Dieses erleben wir unterbewusst im miterlebenden Spiel, wo der Mensch frei, kämpferisch und phantasievoll sein darf. Während wir mit unseren Sinnen, ganz und gar dem Fußballspiel folgen, werden wir innerlich selbst die Helden, wir werden Ballack, Podolski oder Schweinsteiger, und anschließend können wir sagen: „Wir haben gewonnen“. Denn wir waren dabei, wir haben mitgefiebert, mitgelitten im Reich des Spiels, im Reich der Freiheit.

Ein Grundeinkommen ermöglicht es dem Menschen, dass die freie menschliche Tätigkeit nicht mehr Sehnsucht der Freizeit bleibt, sondern Wirklichkeit wird. Es will das Soziale der Gemeinschaft durch das Individuum stärken, indem es jedem Bürger die Möglichkeit zur freien Tätigkeit gibt. Kinder können das besonders gut, sich frei betätigen. Sie sind neugierig und motiviert. Und auch für Kinder sind Fußballspieler Stars. Kinder, besonders Jungen wollen, wenn sie groß sind, Fußballspieler werden. Fußballspieler sind Vorbilder geworden, sie bekommen gesellschaftliche Anerkennung. Warum? Weil sie wirtschaftliche gut abgesichert sind? Ja. Doch sind es nicht vor allem Vorbilder, weil sie das tun können was sie wollen, weil sie etwas besonders gut können, etwas, was nicht jeder kann und genau dieses alle anerkennen sehen wollen?

Mit einem Grundeinkommen wäre ein Schritt in eine Gesellschaft, in der jeder frei seine Fähigkeiten für die Gemeinschaft einsetzen und ausbilden kann, getan. Das Grundeinkommen ist der erste Schritt, die wirtschaftlichen Interessen von den kulturellen zu trennen. Wirtschaftliche Interessen aus dem kulturellen also auch aus der gestammten Bildung zu entfernen, ist ein weiterer Schritt der nicht nur möglich ist sondern auch notwendig wird, weil Kultur sonst nicht mehr frei ist, sondern auch den Gesetzen der Wirtschaft folgt. Wie hier zu lesen ist.

Die Frage nach einem bedingungslosen Grundeinkommen ist auf das Engste mit der Aufhebung von wirtschaftlichen Abhängigkeiten verbunden. Die Recht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen sichert zwar nicht, dass wir alle Profifußballspieler werden, denn das ist nur einer der neuen Berufe. Aber aus der wirtschaftlichen Unabhängigkeit heraus kann jeder Bürger den Beruf ausüben, mit dem er der Gemeinschaft am besten dienen kann. So wie ein wunderbares Fußballspiel auch uns allen dienen kann, weil es uns zeigt, das der Mensch doch nur das ganz Mensch ist wo es frei ist.

Nach oben